Eine neue Kirche für Bamberg – Die Geschichte der Erlöserkirche

Außenansicht
Bildrechte: Markus Trenkle
Die Erlöserkirche in Bamberg

Schon 1898 begann man mit Planungen für eine zweite evangelische Kirche in Bamberg. Der vorgesehene Standort östlich des Kunigundendamms sollte der stetig anwachsenden Bevölkerung im Osten Bambergs einen Gottesdienstraum in erreichbarer Nähe schenken.

Erst nach Ende des Ersten Weltkriegs gründete sich ein evangelischer Kirchenbauverein, der das Projekt vorantrieb, Geld sammelte und schließlich das Grundstück am Kunigundendamm erwarb. 1926 wurde der Architekt Prof. German Bestelmeyer (1874-1942) mit dem Entwurf der Erlöserkirche beauftragt. Bestelmeyer war seit 1922 Professor an der TU München und hatte in Bayern bereits mehrere evangelische Kirchen gebaut.

Der Bau der Erlöserkirche wurde 1929 begonnen, stagnierte aber infolge der Weltwirtschaftskrise nach der Fertigstellung des Rohbaus 1930. Als die Kirche auch im Inneren ausgebaut war, wurde sie am 28. Oktober 1934 geweiht. Ein Bombentreffer im Februar 1945 beschädigte die Kirche stark, sie konnte aber bis 1950 nach den ursprünglichen Plänen Bestelmeyers wieder originalgetreu aufgebaut werden.

 

Zeittafel

1920er Jahre Die wachsende Bevölkerungszahl bedingte eine Ausweitung der Stadt Richtung Osten. Hier sollte – neben St. Stephan – eine zweite evangelische Kirche entstehen.
1926 Übergabe des Bauprojekts an den Architekten German Bestelmeyer
1929-1930 Grundsteinlegung am 3. August 1929 – Rohbau
28. Oktober 1934 Kirchenweihe
22. Februar 1945 Bombenangriff, der die Kirche schwer beschädigte. 500 Menschen, die unter der Kirche, Zuflucht gesucht hatten, blieben jedoch unverletzt.
bis 1950 Wiederaufbau – Wiedereinweihung am 4. Juni 1950
1. Februar 1959 Weihe der vier neuen Glocken
15. Juni 1972 Einweihung des Gemeindezentrums, das nachträglich im Untergeschoss der Kirche eingebaut wurde
1975 Errichtung der neuen Steinmeyer Orgel – weiterlesen
seit 2013 Ausstellung „Bonhoeffer in Harlem“ – weiterlesen
seit 2018 Barrierefreier Zugang zur Kirche – weiterlesen


Architektur

Zur Entstehungszeit der Kirche, Ende der 1920er Jahre, war der Kunigundendamm noch ein tatsächlicher Damm, dahinter lag vier Meter tiefer die sogenannte Peunt, eine unbebaute feuchte Wiese. Um die Kirche auf dem Niveau der umliegenden Straßen bauen zu können, stellte Bestelmeyer sie auf ein vier Meter hohes Untergeschoß aus Eisenbeton.

Bestelmeyer entwarf die Erlöserkirche als mächtigen Zentralbau. Dem Dekagon (Zehneck) ist gegen den Kanal eine Vorhalle vorgestellt, rückwärtig befindet sich die Sakristei mit Wohnung des Kirchners und der Glockenturm.

In der Gesamtkomposition und vielen architektonischen Details ließ sich Bestelmeyer von frühchristlichen Kirchen Italiens inspirieren. Dabei verband er die Eindrücke und Ideen zu einem neuen Ganzen. Bestelmeyer kümmerte sich um alle Details und schuf in der Erlöserkirche ein aussagestarkes Gesamtkunstwerk.

Folgende Kirchen können als Vorbilder für die Erlöserkirche aufgezählt werden:

Die Fassade der Kirche besteht mehrheitlich aus Bruchsteinen. Sie wurden in umliegenden Steinbrüchen gebrochen, nur wenig bearbeitet und behielten so ihren groben Charakter. Als weiteres gestalterisches Element verwandte Bestelmeyer rote Ziegelsteine, sie akzentuieren insbesondere die Fenster. An der Vorhalle fallen die so genannten „Wartesteine“ auf: große Quader, die aus der Fassade herausstehen. Aus diesen Steinen sollten ursprünglich Figuren gehauen werden, was aber aus Geldmangel in den 1930er Jahren nie realisiert wurde.

Innenraum

Die auf das Zentrum hin ausgerichtete zehneckige Grundrissform entspricht in besonderer Form den Anforderungen des evangelischen Gottesdienstes, nämlich dessen Predigt-Zentriertheit. Der Zentralbau erlaubt eine große Nähe zwischen Pfarrerinnen bzw. Pfarrern und Gemeinde.

Um den Innenraum sitzen zehn Nischen. Die zentrale Achse der Kirche erstreckt sich vom Haupteingang zur gegenüberliegenden Altarnische und lenkt den Blick auf den Erlöser am Kreuz. Links vom Altar befindet sich die Taufnische, rechts die Nische mit der Kanzel und dem Ausgang zur Sakristei. Die übrigen Nischen sind mit Bänken gefüllt und bieten etliche der insgesamt 700 Sitzplätze der Kirche. Durch schlichte Rundbogenfenster über den Nischen fällt Licht in den Kirchenraum.

Die Innenwände der Kirche sind mit roten Ziegelsteinen verkleidet. Dazu sind glatt behauene Steinquader als gestalterische Elemente gezielt eingesetzt. Sie bezeichnen die Pfeiler zwischen den Nischen, die Sturzbalken über den Türen, den Rahmen des Nebeneingangs oder die Kanzel.

Nach oben abgeschlossen wird der Innenraum durch die handwerklich aufwändig ausgearbeitete Holzdecke. Ursprünglich war die Decke aus Lärchenholz, aus finanziellen Gründen wurde beim Wiederaufbau dann Fichtenholz verwendet. Im Zentrum befinden sich fünf kleine Engelsköpfe, die vor dem Strahlenkranz angebracht sind.

Genau wie den Außenbau hat Bestelmeyer auch den Innenraum bis in alle Details selbst gestaltet. Die Ausführung von Altar, Altarkreuz, Kanzel, Taufbecken und anderer Ausstattung oblag dann verschiedenen Künstlern.

Altar und Kruzifix

Das Kruzifix bildet den geistlichen Mittelpunkt der Erlöserkirche. Der Korpus stammt aus dem 16. Jahrhundert, die genaue Herkunft ist nicht belegt, er wird aber der Veit-Stoß-Schule zugerechnet. Er soll einer nicht mehr existierenden Ansbacher Grabkapelle entstammen. Die Gestaltung des Kreuzes geht auf Bestelmeyer zurück.

Auf dem Altar steht die Einladung: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Der Altartisch ruht auf zwei Füßen, auf denen Brot (Leib Christi) und Wein (Blut Christi) dargestellt werden. Wie durch ein Wunder wurden Altar und Kreuz durch den Bombenangriff nicht zerstört.

Taufbecken und Tauffenster

Das Taufbecken wurde ebenfalls vom Architekten selbst entworfen und in der Akademie der bildenden Künste in München gegossen. Es wird von vier Löwen getragen. Über dem Taufbecken befindet sich ein Tauffenster mit einer abstrakten Darstellung der Dreieinigkeit, entworfen 1979 von dem Münchener Glasmaler Josef Oberberger. Oberberger hatte 1930 bereits das ursprüngliche, die Taufe Jesu darstellende Fenster gestaltet, das bei der Bombardierung zerstört wurde.

Über dem linken Seiteneingang erinnert eine Skulptur aus Muschelkalk an die eherne Schlange, die Mose als Zeichen der Rettung (4. Mose 21,4-9) aufrichtete. Das Johannesevangelium (3,14) zieht eine Linie zwischen der ehernen Schlange und Christus am Kreuz.

Erinnerungstafel

Am mittleren rechten Pfeiler befindet sich eine Tafel, die an den Bombenangriff am 22. Februar 1945 erinnert, bei dem die Erlöserkirche schwer beschädigt wurde. Wie durch ein Wunder überlebten 500 Menschen, die unter der Kirche Zuflucht vor den Bomben gesucht hatten. Die noch heute sichtbaren Schadstellen im Kirchenraum, wie abgebrochene Stellen an den Bruchsteinen der Pfeiler oder unterschiedliche Farbtöne der Ziegelsteine, erinnern mahnend an den Zweiten Weltkrieg.

Kanzel

Die Kanzel ist am Pfeiler rechts des Altarraums aus behauenem Bruchstein massiv gebaut. Die Taube im Baldachin versinnbildlicht den Heiligen Geist. Im unteren Bereich findet man in Stein gehauen die Symbole der vier Evangelisten: Engel (Matthäus), Löwe (Markus), Stier (Lukas) und Adler (Johannes).

Empore und Orgel 

Die erste Orgel wurde 1934 von der Oettinger Firma Steinmeyer gebaut, 1945 aber mit der Kirche beim Bombenangriff zerstört. Nach dem Wiederaufbau der Erlöserkirche erhielt die Gemeinde zunächst die Steinmeyer Orgel des Zentralsaals. 1967 erwarb die Gemeinde einen Teil der früheren Orgel aus St. Stephan. 1975 beendete der Neubau der heutigen Orgel, erneut durch Steinmeyer, dieses Provisorium. Das Instrument verfügt über 24 Register auf zwei Manualen und Pedal – mehr zur Orgel.