Sehnsuchtsort – Paris

11. Juni 2020 – Zum Anhören und Mitlesen

An diesen Briefkasten auf dem Markusplatz hat jemand „Paris“ geschrieben. Vielleicht bedeutet es auch irgendetwas anderes – aber ich lese da P-A-R-I-S. Also stelle ich mir vor, dass jeder eingeworfene Brief nach Paris geht. In die Stadt der Liebe. Jede Rechnung ist ein Liebesbrief. Und jeder standardisierte Werbebrief eigentlich in Parfüm getaucht. Und jedes amtliches Schreiben eine zärtliche Postkarte.

Aber so ist es doch gar nicht, Thomas. Du einsamer Träumer.

In dieser Welt sind Rechnungen wirklich Rechnungen. Und Werbebrief uncharmante Werbungen. Und amtliche Schreiben verkünden das Ausbleiben des Eingangs der Zahlung von betreffender Rechnung mit dem Datum mit der Nummer 123AFXPX.

In dieser Welt denken ausländische Studierende an Heimat – und können dort nicht hin. Und haben kein Geld, weil Corona dafür sorgt, dass sie keinen Job haben. In dieser Welt … Ach, das wisst ihr doch alle selbst.

Worte von Nelly Sachs:

Alles beginnt mit der Sehnsucht.
Immer ist im Herzen Raum für mehr,
für Schöneres, Größeres.
Das ist des Menschen Größe und Not
Sehnsucht nach Stille,
nach Freundschaft und Liebe.

An dem Tag, an dem ich keine Sehnsucht mehr verspüre, – das kann ich mir gar nicht vorstellen.

Es kommt ein Tag, an dem alle Briefe Liebesbriefe sein werden. Ich weiß das. Und auch jener Mensch, der „Paris“ auf den Briefkasten schrieb. Wir sind also schon zu zweit.

Amen

Pfarrer Thomas Braun


P.S. Und passend dazu: Felix de Luxe – „Taxi nach Paris“

 

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