Quaranta – Vierzig

2. April 2020 – Zum Anhören und Mitlesen

Quaranta ist italienisch und heißt Vierzig. Von diesem Wort kommt unser Wort Quarantäne. Die Zahl Vierzig spielt auch in der Bibel eine große Rolle. Das Volk Israel musste nach seiner Befreiung vierzig Jahre durch die Wüste irren bis es ins gelobte Land kam.

Beim Propheten Elia taucht sie wieder auf, diese Zahl Vierzig. Er lief vierzig Tage und Nächte bis zum Gottesberg, wo er Gott begegnete. Und Jesus: Bevor er an die Öffentlichkeit trat, zog er sich in die Wüste zurück und fastete dort vierzig Tage und Nächte.

In unserem Kirchenjahr bereiten wir uns vor Ostern vierzig Tage auf dieses Fest des Lebens und der Auferstehung vor. Durch die Corona-Krise bekommt diese Zeit noch einmal ein ganz anderes Gewicht. Wir müssen auf vieles verzichten. Dieser Verzicht ist weitaus mehr als das Fasten von Süßigkeiten, Kaffee oder Alkohol wie wir es uns vielleicht am Aschermittwoch vorgenommen haben. Wir müssen auf Begegnungen verzichten, um uns und andere nicht zu gefährden. Wir müssen auf Freizeit-Aktivitäten verzichten, manche auf ihre gewohnte Arbeit und die Schüler und Schülerinnen auf die Schule, wie sie sie gewohnt waren. Durch diese drastischen Einschnitte müssen manche auch auf finanzielle Mittel verzichten, mit denen sie gerechnet haben. Und wir müssen sogar auf unsere Gottesdienste verzichten. Wir müssen als Christengemeinde darauf verzichten uns zu versammeln, miteinander zu singen und zu beten. Die Regierung hat uns dieses soziale Fasten verordnet, um schlimmeren Schaden von uns abzuwenden. Wir stehen unvermittelt in einer weltweiten gewaltigen Fastenzeit, wie es sie noch nie gab und wie wir sie uns nicht vorstellen konnten.

In unserer kirchlichen Tradition bezeichnen wir diese vierzig Tage vor Ostern auch als Passionszeit. Passion heißt leiden. Wir denken in dieser Zeit an das Leiden und Sterben Jesu. Aber auch in diesen Tagen wird gelitten. Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern leiden darunter, dass sie nicht helfen können und gefährden sich bei diesem Kampf oft selbst, Kranke kämpfen um ihr Leben und Angehörige trauern um einen Menschen, der ihnen genommen worden ist.

Aber wir gehen auf Ostern zu. Auch wenn unser Ostern nach dieser Corona-Krise wahrscheinlich erst später kommt, wie der kalendarische Ostertermin in diesem Jahr. Unser christlicher Glaube kommt von Ostern her und geht auf Ostern zu. Die Auferstehung Jesu gibt uns Hoffnung und Mut, dass auch diese Fasten- und Leidenszeit ein Ende haben wird. Allerdings: Ostern heißt nicht, es wird wieder alles so wie früher, wieder Business as usual. Ostern ist etwas Neues, nicht die Rückkehr zum Alten. Für die Jünger und Jüngerinnen war Jesus nach Ostern eben nicht mehr so leibhaft gegenwärtig wie früher. Ab er war trotzdem da. Ganz anders, ganz neu, nicht greifbar und doch gegenwärtig. Und so begleitet er auch uns durch unser Leben, auch heute. Nach seiner Auferstehung sagt er: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“

Durch die Auferstehung bekommt die Welt ein anderes Gesicht. Und wenn in diesen Tagen der Krise Egoismus, Mobbing, Vorurteile und Hass auf der Strecke bleiben, wie sie sich vor der Krise immer mehr zugespitzt haben, dann wäre das durchaus ein positiver Effekt. Wildfremde Menschen schauen sich auf der Straße an und grüßen sich. Wo man sonst aneinander vorbei gehetzt ist, erscheint jetzt oft ein Lächeln auf den Gesichtern. Menschen nehmen aufeinander Rücksicht. Sind das schon erste Zeichen einer Veränderung in unserer Gesellschafft; einer Veränderung zu mehr Menschlichkeit, zu mehr Solidarität? Dann könnte durchaus ein Sinn in dieser Quarantäne liegen, in diesen Tagen der Selbstbeschränkung und der Selbstbesinnung. Dann könnten wir aufstehen zu einer neuen Welt der Solidarität und der Geschwisterlichkeit.

Pfarrer i. R. Günther Schardt


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